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Berufsrückblick Benjamin Leins – Kantor in Elternzeitvertretung

04.02.2021

Meine Zeit in der Region an der Elbe neigt sich langsam ihrem Ende. Die Tage im Lockdown bieten sich an, um die vergangenen zwölf Monate der Elternzeitvertretung für Debora Zschucke – welche gleichzeitig meinen Berufseinstieg als Kantor darstellten – noch einmal Revue passieren zu lassen und die Erinnerungen zu sortieren. Erinnerungen haben ihren Ort eigentlich im Kopf – wenn ich an besondere Zeiten meines Lebens denke, sind diese bei mir allerdings eher irgendwo in der Bauchregion abgespeichert. Oft bekomme ich es nicht mehr genau zusammen, was in welcher Reihenfolge passiert ist, weiß dafür aber noch genau, wie es sich angefühlt hat. Es sind sozusagen Bauchgefühle im Nachhinein. Besonders häufig denke ich zurzeit an meine ersten Dienst-Tage im Januar 2020. Die Aussicht, ohne viel Berufserfahrung für die vielfältige und ansprechende Gestaltung der Kirchenmusik einer ganzen Region zuständig zu sein, hinterließen ein mulmiges und gleichzeitig diffuses Gefühl der Einsamkeit. Der Pianist Vladimir Horowitz sprach vom Konzertpodium als den „einsamsten Ort der Welt, wo man völlig allein und auf sich gestellt ist“. Eine Orgelbank kann sich durchaus ähnlich anfühlen.

In dieser Zeit kam es allerdings zu zwei Ereignissen, die es mir durch ihre kraftvolle Dynamik nicht erlaubten, weiter in einem Gemütszustand des Kaninchens vor der Schlange zu verharren: Zum einen wurde ich prompt auf die Klausurfahrt der Gemeindekirchenräte nach Gernrode eingeladen – ein Setting, bei dem es wahrlich sehr schwer ist, sich alleine zu fühlen. Ich habe also gemerkt, dass es Menschen sind, mit denen ich es zu tun haben soll. Menschen, so wie ich sie bisher auch gekannt habe.

Ebenso bleibt mir meine Amtseinführung mit Einsegnung als besondere Geste des Willkommens in Erinnerung. Dabei habe ich gemerkt, dass ich es hier nun nicht nur mit Menschen, sondern auch noch mit Gott zu tun bekommen werde. Augen auf bei der Berufswahl! Auf einmal ist er da und dabei, so wie ich das bisher schon immer vermutet, aber noch nicht in dieser Deutlichkeit empfunden habe.

Diese Zuversicht spendenden Ereignisse zum Beginn meiner Amtszeit waren angesichts der bald einsetzenden Corona-Pandemie auch sehr willkommen. Dass im Berufsleben alles anders kommen würde, als man es während des Studiums vermutet hat, habe ich inzwischen begriffen. Dass es nun noch einmal komplett anders kommen soll, habe ich in den nun folgenden Monaten erfahren, nein, herausfinden bzw. ausbalancieren dürfen.

Auch wenn eine Planung im herkömmlichen Sinne nicht möglich war und ich kaum ein Viertel meiner geplanten Vorhaben umsetzen konnte, habe ich nicht das Gefühl, auf ein untätiges Jahr zurückzuschauen. Durch viel Musik von der Taste und kleine Formate mit wenigen Musikern (und wenig Probenaufwand – auch das gehört ehrlicherweise dazu) ließ sich das Schlimmste vermeiden: Ein Dornröschenschlaf, oder weniger euphemistisch ausgedrückt, ein Komazustand der Kirchenmusik.

Was mich dabei eigentlich am meisten schmerzt, ist die Tatsache, mit keinem der Chöre so richtig in Fahrt gekommen zu sein. Gemeinsam geplante, geprobte und durchgeführte Aufführungen sind nicht nur das Lebenselixier von Musikensembles, sie sind auch die wichtigsten Gelegenheiten, menschlich zusammenzuwachsen. Es wird sicher nach der Pandemie vieles wiederhergestellt und etabliert werden können, dennoch bleibt auf diesem Gebiet ein unangenehmes Gefühl ungetaner Arbeit bei mir zurück. Dass ich trotz dessen keine Spur der Niedergeschlagenheit empfinde und mit einem guten Gefühl aus meiner kurzen Amtszeit scheide, liegt an der überwältigenden Unterstützung, die ich durch einzelne Mitglieder der Gemeinde, des Chores, oder aus dem Kreis meiner Amtskolleginnen und -Kollegen erfahren habe. Es wird mir sehr  fehlen! Das wöchentliche Feiern der Gottesdienste hat mir einen Schwung verliehen, den ich gerne mitnehmen möchte – auch wenn ich die kommende Zeit hauptamtlich nicht an einer Gemeinde, sondern in und rund um meine Familie tätig sein werde. Der Berufseinstieg meiner Frau soll genauso reibungslos stattfinden, wie es mir vergönnt gewesen ist.

Ich danke Ihnen von Herzen, dass Sie mich so freundlich und herzlich in Ihrer Mitte aufgenommen haben und mich diese Zeit haben mitgehen lassen. Möge Gottes guter Segen Ihnen allen für die Zukunft erhalten bleiben!


Benjamin Leins