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Monatsgedanken

“Es gab nur noch eine Impfdosis. Ich hab sie meiner Partnerin überlassen.“ Ich bin sprachlos über diesen Satz. Welch eine Gelassenheit spricht aus diesen Worten. Da könnte jemand eine der begehrten Impfdosen bekommen und verzichtet. Freiwillig. Mich berührt  diese Entscheidung. Dieser schlichte Satz, den ich da höre, lässt mich innerlich anhalten. Er stoppt mich in der Hektik dieser Tage, die sich nur noch um die Frage zu drehen scheint: Wo bekommt man schnellstens eine Impfung her? Ich teile die Sehnsucht mit so vielen Menschen in  unserem Land nach normalem Alltag. Ohne Furcht vor Ansteckung und Erkrankung wieder Menschen umarmen und Nähe zulassen, mit  Freunden im Restaurant sitzen, ins Theater gehen, verreisen ohne Auflagen oder lästige Tests - wenn das doch alles endlich wieder möglich wäre! Die Eintrittskarte ins normale Leben scheinen wir nur noch über eine Impfung zu bekommen. Wenn es doch nur genug davon gäbe! Ungeduld und Neid machen sich breit. Der Ton im Miteinander wird schärfer, nicht nur in den vielen Talkshows im Fernsehen. Manch einer sucht  nach Wegen oder Umwegen, um selbst schneller ans Ziel der Wünsche - sprich an eine Impfung - zu kommen. Ohne Rücksicht auf  Verluste. Da ist sich jede und jeder selbst der oder die Nächste. Menschliche Abgründe  tun sich auf, die wohl unabhängig vom Thema „Impfung“ sind. Doch welcher Geist treibt uns da? Fürchten wir zu kurz zu kommen, vergessen zu werden, die Letzten zu sein?
Vor wenigen Tagen feierten wir Pfingsten. Gottes Geist strömt in unsere Welt. „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der  Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ (2. Timotheus 1, 7) Wenn uns doch in den schwierigen Zeiten jetzt dieser Geist treiben würde! Gottes  Geist der Kraft. Gottes Geist der Liebe. Gottes Geist der Besonnenheit. Wir haben ihn nicht aus uns selbst heraus. Bitten wir um diesen Geist in  den manchmal so geistlosen Zeiten und Worten dieser Tage. Bitten wir um diesen Geist nicht nur für unsere Welt sondern auch für uns  selbst, damit er unser Denken und Handeln, unser Tun und Lassen durchdringt. Möge Gott unsere Bitte reichlich erhören, damit wir getrost in der Gewissheit leben: Was auch kommen mag; in Gottes Hand sind wir geborgen - mit oder ohne Impfung. Alle Tage bis in Ewigkeit.

 

Herzlich grüßt Sie
Ihre Pfarrerin i.E. Ivonne Sylvester