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Auferstehungsgemeinde Dessau-Siedlung / Kleinkühnau

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Das Gebiet der Auferstehungsgemeinde befindet sich mit den beiden Gemeindeteilen westlich des Hauptbahnhofs, zwischen Georgium und Ebertallee im Norden und der Köthener Bahnstrecke im Süden. Die beiden Wohngebiete – Siedlung und Kleinkühnau – entstanden zur Zeit der Industrialisierung Dessaus Anfang des 20. Jahrhunderts. Im Gemeindegebiet liegen unter anderem die Anhaltische Diakonissenanstalt und das Diakonissenkrankenhaus, das Unesco-Welterbe Bauhaus mit den Meisterhäusern, die Hochschule Anhalt, das Technikmuseum ›Hugo Junkers‹ und der Flugplatz.

Die Auferstehungsgemeinde arbeitet mit der Christusgemeinde in der »Region an der Elbe« zusammen. Dabei sind die gemeinsamen Kinderbibeltage, Konfirmandengruppen und Familienfreizeiten, Sommermusiken und Gemeindefeste bereits zu einer regelmäßigen Einrichtung geworden. Die Region gibt monatlich einen gemeinsamen Kirchenboten heraus. Die Kirchen in Siedlung und Kleinkühnau stehen nicht ›geostet‹, sondern in Nord-Süd Richtung, was mit der Baugeschichte zu tun hat. Die Auferstehungskirche ist eigentlich der Mittelbau eines in den 20er Jahren geplanten großen Gemeindezentrums. Die Kirche von Kleinkühnau ist als Anbau an den kirchlichen Kindergarten entstanden.

 

 

Aus der Geschichte der Auferstehungsgemeinde

von Renate Schreiber

 

Die Künstlerfamilie Kieser – ihr Wirken in der Auferstehungsgemeinde

 

Zur Einweihung der Auferstehungskirche am 23.02.1930 wurden Eintrittskarten an die Gemeindemitglieder ausgegeben, da der Platz im Kirchenschiff nicht ausreichte. Unter den vielen, geladenen Ehrengästen befanden sich auch Professor Richard Kieser mit seiner ersten Frau sowie sein Sohn Walter Kieser mit seiner Ehefrau Frieda Kieser-Maruhn. Auch Luise Schilk, Richard Kiesers spätere Ehefrau (2. Ehe) und Magdalene Schulke weilten unter den Gästen.

Diese Personen waren eng mit der künstlerischen Ausgestaltung des Gemeindehauses verbunden.

Professor Richard Kieser wurde am 15.03.1870 in Coburg geboren. Als Richard Kieser am 01.07.1912 nach Dessau wechselte um den Posten des Direktors der Kunstgewerbe- und Handwerkerschule antreten, konnte er schon auf eine langjährige Erfahrung im Kunstgewerbeschulwesen zurück blicken (z. B. Direktor der Holzschnitzschule in Warmbrunn / Schlesien). Unter Herrn Kieser erhielt die Dessauer Kunst- und Handwerkerschule in den Jahren 1913/14 einen großen Aufschwung. Es gab dort auch eine Damenklasse für kunstgewerbliche Handarbeiten. Die Ausbildung von Bildhauern führte Richard Kieser selbst aus. Seine kunstpädagogischen Leistungen fanden hohe öffentliche Anerkennung. Aus Richard Kieser wurde Professor Richard Kieser.

1925 holte der damalige Oberbürgermeister Fritz Hesse das Staatliche Bauhaus von Weimar nach Dessau. OB Hesse war sich klar darüber, dass eine Verschmelzung beider Institute nicht möglich war. Die Verschiedenheit der Struktur und Lehrziele waren zu groß. Aus organisatorischen und finanziellen Gründen musste aber eine einheitliche Leitung gebildet werden. Nach Aussprachen mit OB Hesse und der Zusicherung, keinen finanziellen Nachteil zu erleiden, verließ Professor Kieser  am 31.03.1925 seinen Direktorenposten mit inzwischen 55 Jahren. Bis zu seinem Tode, am 25.01.1940 war er freischaffender Bildhauer in Dessau.

Professor Richard Kieser wohnte am Waldkater Nr. 7. Als Gemeindemitglied und guter Bekannter von Pfarrer Elster, dem ersten Gemeindepfarrer der Auferstehungsgemeinde, begann nun eine fruchtbringende Tätigkeit in seiner Gemeinde. In unserem Kirchenarchiv befinden sich handschriftliche Rechnungen von Professor Kieser über Altarleuchten und einen Taufstein. Die Leuchter sind zwar noch vorhanden, werden aber nicht mehr benutzt. Der Taufstein, aus grünglasierter Keramik, dient noch heute seiner Bestimmung.

Die Entwürfe für die Taufschale sowie die Taufkanne stammen ebenfalls von Professor Kieser. Er selbst äußerte sich zur Taufkanne und Taufschale:  „Taufkanne und Taufschale lassen sich in ihren Formen weder in eine historische noch in eine persönliche Stilrichtung einreihen. Die Grund- und Werkformen sind ihrer praktischen Bestimmung entsprechend sachgemäß handlich gestaltet, während die sekundären Schmuckformen der Geräte von ihrer Aufgabe von der Taufe und der Auferstehungsgemeinde sprechen…..“

(Zitat aus „Künstlerfamilie Kieser und ihre Tätigkeit in Dessau“; Ingrid Ehlert, Dessauer Kalender 1991).

 

Am 25.09.1932 verstarb Richard Kiesers erste Ehefrau Else mit 59 Jahren an einem Gehirnschlag. Am 27.09.1932 hielt Pfarrer Elster die Trauerpredigt im Krematorium zu Dessau. Aus dieser Ehe entstammten vier Kinder, u. a. Walter (Steinbildhauer) und Harry (Maler und Kunstgeschichtler).

 

Aus dem Trauregister der Auferstehungsgemeinde geht hervor, dass Professor Richard Kieser am 17.06.1933 seine langjährige Mitarbeiterin, die Bürovorsteherin Luise Schilk ehelichte. Pfarrer Elster vollzog die kirchliche Trauung. Luise Schilk wurde am 01.03.1886 in Namslau (Schlesien) geboren und starb am 13.02.1957. Sie war für die Kunstgewerbe- und Handwerkerschule 25 Jahre tätig. 

Ihre künstlerischen Fähigkeiten erwarb sie sich in Abendkursen für das textile Kunstgewerbe in Dessau und an der Kunstgewerbeschule in Dresden. Die Eheleute R. und L. Kieser waren für die junge Auferstehungsgemeinde künstlerisch sehr wertvoll. Professor Kieser übernahm die Ausschmückung des Altarraumes zu festlichen Gottesdiensten. Beispiele sind u. a. der Muttertag und der Volkstrauertag. Auch Figuren aus seinem Atelier lieh er zur Gottesdienstausgestaltung aus. Die Vermutung liegt also nahe, dass unser Tondo Pitti (in der derzeitigen Ausstellung präsent) auch aus seinem Nachlaß stammt, da er Bildhauer ausbildete und es sich hier um eine Gipsabformung handelt. Das Kruzifix (Holzkreuz; Christusfigur) stammen aus seiner Hand, ebenso unsere Weihnachtskrippe.

Luise Kieser fertigte kunstvolle Stickereien nach eigenen Entwürfen an. Die Auferstehungsgemeinde verfügt noch heute über eine Altardecke, in deren Spitzenkante die Siedlungshäuser eingewirkt sind. Das gleiche Motiv findet man auch auf dem Altarbild. Die Antependien (textiler Kanzel- und Altarbehang in den liturgischen Farben) waren  mit reichen Applikationen versehen. Sie sprachen ebenfalls, wie die Taufgeräte, von der Geschichte der Auferstehungsgemeinde. Leider sind sie nicht mehr vorhanden.

Ein originaler Briefverkehr und Rechnungen liegen aber auch von Luise Kieser und ihrer Mitarbeiterin Magdalene Schulke im Archiv vor. Die älteren Dessauer werden sich an das Kunstgewerbegeschäft Schulke noch erinnern können.

Die erwähnte Weihnachtskrippe, bestehend aus Gipsfiguren, schenkte Professor Richard Kieser seiner Gemeinde zum Weihnachtsfest 1939. Nur einen Monat später, am 25.01.940 verstarb Richard Kieser im 70. Lebensjahr.


Aus der ersten Ehe von Professor R. Kieser gingen vier Kinder hervor. Drei von ihnen schlugen eine Künstlerlaufbahn ein. Walter, Harry und Helene Kieser
zeigten künstlerische Begabungen und Freude am Gestalten.
Walter Kieser wurde am 27. August 1894 in Krefeld geboren. 12-jährig zog er mit den Eltern nach Warmbrunn, wo der Vater Direktor der Holzschnitzschule
wurde. Bereits zu dieser Zeit erlernte Walter das Drechslerhandwerk. Ab 1912 besuchte er die Bildhauerklasse des Vaters in der Kunstgewerbe- und Handwerkerschule in Dessau. Wir erinnern uns, dass Prof. R. Kieser den Direktionsposten in dieser Einrichtung übernahm. Ein begonnenes Kunststudium in Dresden musste Walter unterbrechen. Er leistete Kriegsdienst an der Westfront.
Nach dem Ende des Krieges folgte ein kurzer Studienaufenthalt in Stuttgart. Dann führte ihn sein Weg zurück nach Dessau. Der junge Künstler hatte sich der Bildhauerei verschrieben. Seine Werke fanden Beachtung und sein erster bedeutender Auftrag war die bildkünstlerische Gestaltung der Ostseite des Boelckeund Kriegerdenkmals auf dem Dessauer Ehrenfriedhof. Sie ist vollständig erhalten und bildet eine völlig andere künstlerische Auffassung zur Schöpfung der Vorderseite von Professor Albinmüller aus Darmstadt. Auch an der Ostwand der Christus-Kirche befindet sich noch heute eine gut erhaltene Arbeit. Sie wurde zur Ehrung für die Gefallenen des 1. Weltkrieges von Walter Kieser erschaffen.
In der frühen Schaffenszeit lernte W. Kieser die Tierbildhauerin Friede Maruhn kennen. Sie wurde 1885 in Nedlitz/Anhalt geboren und wuchs in Golmenglin im Fläming auf. 1921 heirateten beide. Friede trug nun den Namen Kieser-Maruhn. Die Ehe der beiden Bildhauer wurde geprägt von einer fruchtbringenden Gemeinschaftsarbeit weit über Dessaus Grenzen hinaus.
Über das Wirken des Ehepaares, ihre Firmengründung in unserer Gemeinde wird gesondert zu berichten sein.
Die Tochter Helene Kieser besuchte die Kunstgewerbe- und Handwerkerschule in Dessau. Sie heiratete einen Bildhauer aus dem Elsaß und wanderte nach Brasilien aus. Helene hinterließ in Dessau keine künstlerischen Spuren.
Der jüngste Sohn, Harry Kieser, geboren 1908, hatte auch künstlerische Ambitionen, war aber mehr ein ausgezeichneter Kunstwissenschaftler und Pädagoge. 1946 heiratete er und zog in das wieder instand gesetzte Elternhaus am Waldkater 7. Durch die Bombardierung wurde ein großer Teil der künstlerischen Arbeiten der Familie zerstört. 1954 zogen Harry und seine Frau nach Halle. Seine Verbundenheit mit Dessau blieb aber bis zu seinem Tode 1978 bestehen.